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Gregorianik
Klingendes Mittelalter

 

Die Choräle und Gesänge der Gregorianik

Gregorianische Assoziationen: Eine alte Kathedrale. Flackerndes Kerzenlicht. In der meditativen Ruhe rascheln die schlichten, leinenen Gewänder der Mönche, die wie mit einer Stimme zu singen anheben und das mächtige, klingende Kirchenschiff mit einem feierlich-getragenen Choral füllen, zu Weihnachten vielleicht oder einem anderen Fest des Kirchenjahres. Die Klänge aus einer fernen und vermeintlich heilen Welt füllen noch heute Kirchenräume - und CDs.

Der Gregorianische Gesang, etwas vereinfacht das mittelalterliche Gesangsrepertoire der römisch-katholischen Liturgie, ist heute womöglich gefragter als je zuvor. Allerdings entfernt sich dieses Repertoire zusehends aus dem ihm angestammten sakralen Raum, wenn es beispielsweise im Pop (Enigma, Industrial Monk) oder in der Esoterik lediglich als Zitat seiner selbst verwendet wird. Gregorianik als mittelalterliche Chill-Out-Musik? Historisch sicherlich problematisch. Und doch nahe liegend in Zeiten der romantischen Verklärung des Mittelalters - mit mittelalterlichen Märkten und Hildegard von Bingen-Pop.

Doch was steckt wirklich hinter dem Phänomen des Gregorianischen Gesangs? Der Begriff "Gregorianik" stammt aus dem 9. Jhdt. und bezieht sich auf Papst Gregor den Großen (ca. 540-604). Es handelt sich um einen Sammelbegriff für Formen und Lehre des Gregorianischen Gesangs bzw. Gregorianischen Chorals, der jedoch keine musikalische Epoche bezeichnet - im Mittelalter gab es lange keinen einheitlichen liturgischen Gesang, da regionale Eigenheiten und zeitversetzte lokale Entwicklungsschritte dies verhinderten.

Blütezeit im 10. Jahrhundert

Die fränkischen Kaiser bemühten sich ab dem 7. Jhdt. um eine Vereinheitlichung der römischen Liturgie im gesamten Reich. Das führte langfristig zur Entwicklung eines verbindlichen Melodienrepertoires für die Liturgien der römisch-katholischen Kirche. Dieser Prozess ist untrennbar verknüpft mit Entstehung und Verbreitung des musikalischen Notationssystems (ca. 10.-16. Jhdt.).

Nach einer Blütezeit ab dem 10. Jhdt., in der die neue Tradition durch Klöster und Kathedralen gepflegt und in Codices formalisiert wurde, begann im 15. Jhdt. der Niedergang des Gregorianischen Gesangs. Der liturgische Gesang wurde nicht länger als Textvortrag betrachtet, sondern als Musik - und damit als Kunst. Anpassungen an zeitgemäße Ästhetik führten letztlich zur Ablösung durch modernere Musiken und zum Verlust der gregorianischen Vortragstradition; so dass es bis heute kaum gesicherte Erkenntnisse bezüglich einer tatsächlichen historischen Aufführungspraxis gibt.

Kein Bote einer heilen Welt

Obwohl Papst Pius X. 1903 den Gregorianischen Gesang als den "eigentlichen Gesang der römischen Kirche und höchstes Vorbild aller Kirchenmusik" bezeichnete, konnte doch die angestrebte (und besonders im französischen Kloster Solesmes verwirklichte) "Choralrestauration" nicht mehr an eine lebendige Tradition anknüpfen und hat auch nicht zu einer neuen geführt.

Lediglich einige wenige Ensembles, wie die Choralschola der Benediktinerabtei Münsterschwarzach oder die Benediktiner Abtei Kergonan pflegen heute noch den Gregorianischen Gesang. Vielleicht liegt hier der Grund dafür, dass die Gregorianik für viele heute den Beigeschmack des Musealen hat. Oder des Esoterischen. Dabei war sie - historisch gesehen - eher Spielball politischer und ästhetischer Interessen als Bote einer heilen Welt.

Einige Alben mit Schlüsselqualitäten:

Benediktinische Abtei Kergonan: Messe "Salus Autem" [1998]
Benediktinische Abtei Münsterschwarzach: Gregorianische Gesänge [2001]
Chanticleer: Gregorianische Gesänge [1995]
Various: Missa De Angelis [2000]
Wiener Hofburgkapelle: Gregorianischer Choral [2001]
Choralschola der Benediktinerabtei Münsterschwarzach: Gregorianischer Choral ? Die grossen Feste des Kirchenjahres [1997]